Antike Mythen „am Originalschauplatz“

Griechische Mythen führen uns Grunderfahrungen und ewige Themen der Menschheit vor Augen. Deshalb üben sie in den bildenden Künsten, in Literatur und Musik seit jeher eine starke Wirkung aus und werden immer wieder neu rezipiert und interpretiert. Vor allem aber verzaubern uns die Erzählungen durch ihre Schönheit!

Literatur ist auch immer geographisch verortet. Der römische Dichter Ovid schildert uns in seinem großen Epos „Metamorphosen“ u. a. zwei mythologische Szenen, die sich im griechischen Tempe zutragen, einem landschaftlich besonders reizvollen Engtal des Peneus (neugriechisch Piniós) zwischen den Gebirgsstöcken des Olymp und des Ossa: „Apollo und Daphne“ sowie „Orpheus und Eurydike“.

Apollo, dem ein goldener Pfeil des Amor tief ins Herz gedrungen ist, verliebt sich unsterblich in Daphne, die Tochter des Flussgottes Peneus, die aber, von einem Pfeil mit einem stumpfen Blei am Schaftende getroffen, das Begehren des Gottes kalt ablehnt. Sie versucht ihm zu entkommen; Apollo, von Liebesverlangen getrieben, läuft ihr nach, schmeichelt ihr und umwirbt sie – vergeblich. Aus Verzweiflung und Angst fleht Daphne um Vernichtung ihrer Schönheit – und wird zum Lorbeer verwandelt. Doch auch jetzt noch liebt Apollo sie – der Lorbeer wird zu „seinem Baum“, seine Blätter schmücken sein Haupt, seine Lyra, seinen Köcher.

Der berühmte Sänger Orpheus will seine große Liebe Eurydike heiraten – doch schon die Vorzeichen am Hochzeitstag verheißen nichts Gutes. Und als die junge Braut gemeinsam mit ihren Freundinnen über eine Wiese zur Feier geht, wird sie von einer Schlange gebissen und stirbt. Orpheus ist untröstlich und drückt seine Trauer durch seine Musik aus. Er begibt sich klagend sogar in die Unterwelt. Die Seelen der Verstorbenen, die großen Büßer wie Tantalos und Sisyphos und schließlich der Gott der Unterwelt, Hades, sowie dessen Frau Persephone können sich der Wirkung seiner Musik nicht entziehen und trauern mit ihm. Sie gestatten ihm, Eurydike wieder in die Oberwelt zu führen – unter einer Bedingung: Er darf sich auf dem Weg zurück nicht zu ihr umdrehen. Fast schon ist das Tor zur Oberwelt erreicht – da wendet er sich aus Sehnsucht und Liebe zu ihr um. Auf der Stelle sinkt sie zurück ins Reich der Toten …

Die Macht der Liebe, die Macht der Musik und letztlich die alles besiegende Macht des Todes: Wir konnten im Rahmen des CHC die Texte „am Orignalschauplatz“ lesen – denn weltweit gibt es zweimal ein „Tempetal“: im griechischen Thessalien und in Kremsmünster! Das romantische Tal des Kremsegger Baches mit Quellen und Höhlen erhielt diesen Namen wahrscheinlich im 19. Jahrhundert von den Professoren des Gymnasiums und ist ein besonders empfehlenswerter Tipp für eine kleine Wanderung – an heißen Sommertagen aufgrund des angenehmen Schattens genauso wie an kalten Wintertagen, wenn die Höhlen und Wasserfälle von Eis starren!

Wolfgang Leberbauer

Herzlichen Dank an unsere Maturantin und engagierte CHC-Besucherin Georgina, die zwischen schriftlicher und mündlicher Reifeprüfung einen Auftritt als Eurydike-Model gewagt hat. Zur Beruhigung: Alle anderen achteten penibel darauf, dass sich ihr keine Schlange nähert!